“Satan’s mentally challenged younger brother”
Verfasst von Tobias unter Uncategorized am 3. September 2010
Ein lustiges Bild, das beim Lesen dieses Zitats im Kopf entsteht. In jedem Fall aber eine kreative Beleidigung, erdacht von Stephen King, gerichtet an Glenn Beck. Mister Beck ist Radio- und Fernsehmoderator in den USA und hat kürzlich die “Restoring Honor” Kundgebung vorangetrieben, die am 28. August am Lincoln Denkmal stattfand.
Die ganze Debatte ist mehr oder weniger an mir vorbeigerauscht, bis vor wenigen Tagen war mir auch Glenn Beck kein Begriff. Tatsächlich aber liest sich seine politische Selbsteinschätzung in meinen Augen geradezu diabolisch:
“Beck sieht sich selbst als Konservativer mit libertären Anleihen. Seine Leitwerte sind in seiner Eigenwahrnehmung u.a. Eigenverantwortlichkeit, private Nächstenliebe (Charity) anstatt Wohlfahrtsstaat, das Recht auf Leben (“pro-life”), Religionsfreiheit, Minimalstaat und die Familie als einen Eckpfeiler der Gesellschaft. Außerdem setzt er sich für eine niedrige Staatsverschuldung ein. Beck unterstützt das Recht auf privaten Waffenbesitz, sowie eine Liberalisierung des Waffenrechts. Beck sieht einen Mangel an Beweisen für den anthropogenen Klimawandel und unterstützte eine Petition gegen das Kyoto-Protokoll.” (gefunden auf Wikipedia)
Es ist schon bezeichnend, dass ausgerechnet ein Radio- und Fernsehmoderator wie Glenn Beck eine solche Kundgebung anführt. Wohl kaum jemand würde sich besser als manipulativer Aufpeitscher eignen. Dass es überhaupt nicht die Inhalte sind, die zählen, sondern Phrasen, Schlagwortrethorik und dämliche Analogien, führen die Teilnehmer wunderbar selbst vor:
Andererseits: Wenn einer der Befragten sich sicher sein kann, alles Wissenswerte über den Islam am 11. September 2001 gelernt zu haben, kann ich wohl mit derselben Sicherheit sagen, alles über diese Kundgebung zu wissen, nachdem ich mir diese Handvoll Dumpfbacken angesehen habe. (via truthslap, sinngemäß aus den Kommentaren zum Video)
Heimathafen
Plötzlich ging irgendwie doch alles ganz schnell, obwohl ich in der Grönlandsee mehr oder weniger komplett das Zeitgefühl verloren hatte. Ohne Eisschollen als Bezugspunkte im Wasser sieht es dort im Grunde aus wie auf der Nordsee; dazu die ständige Helligkeit. Ist noch Donnerstag? Freitag? Schon Sonntag? Vor Spitsbergen sind wir noch einmal auf Eis gestoßen, allerdings weitaus weniger als vor Grönland und ohne das strahlende Wetter. Letzte Woche Mittwoch bin ich in Longyearbyen an Land gegangen. Bis zum Abend davor haben wir die letzten Wasserproben bearbeitet. Pünktlich zur Abschiedsfeier hat der Arbeitsplatz für meine Nachfolgerin geglänzt. Die Zeit an Bord ist viel zu schnell vergangen. Im Fotoblog liegen einige Bilder aus dem Eis, im Facebookalbum sind dann auch ein paar Leute zu sehen.
Nachtschicht
Verfasst von Tobias unter Biologisches, Unterwegs am 23. Juni 2010
Tagsüber werden seit gestern früh Verankerungen aus dem Wasser geholt, auch “Moorings” genannt. Diese Geräte messen das ganze Jahr über etwa alle zwei Tage Leitfähigkeit, Temperatur und Tiefe (also CTD) in fast der gesamten Wassersäule. Besonders praktisch, da es hier im Winter sehr ungemütlich wird und die Polarstern sich dann im antarktischen Sommer befindet. Die Moorings arbeiten mechanisch: An einer Verankerung hängen drei Kilometer Seil (je nach Wassertiefe), das oben mit Auftriebsbällen straff gehalten wird. Die Bälle sitzen erst etwa 100 Meter unter der Oberfläche, damit sie von Wind und Wetter unbeeinflusst bleiben. Unterhalb der Auftriebskörper hängt eine Konstruktion, die Bleikugeln bereit hält (in Form einer Quadrupelhelix angeordnete Schläuche). Alle zwei Tage fällt eine dieser Kugeln in einen Auffangkorb am Messgerät, der dadurch entlang des Seils absinkt, mit 1m/s. Unten angekommen, wird die Kugel in einen zweiten Korb abgeworfen und das Gerät steigt wieder nach oben. Elegant. Für unsere Gruppe bedeutet das aber, dass wir tagsüber nicht im Labor stehen, sondern Nachtschicht schieben.
Labor-Routine
Verfasst von Tobias unter Biologisches, Unterwegs am 23. Juni 2010
Bei Shannon Island vor der grönländischen Küste hat unser Zonalschnitt Richtung Osten auf dem 75. Breitengrad begonnen. In Küstennähe wurde die CTD-Sonde in definierten Abständen in’s Wasser gelassen. Am Kontinentalhang variierten die Abstände und die Sonde wurde in ausgewählte Wassertiefen gefiert. Gestern Abend haben wir die tiefste Stelle des Greenland Basins erreicht, um die 3600 Meter. Die eigentlichen CTD-Messgeräte werden von der Rosette umfasst: Wasserschöpfer (Niski-Flaschen), die vom Windenleitstand an Bord ferngesteuert geschlossen werden können und so Wasser aus der Tiefe an’s Tageslicht befördern. Auf dem Weg nach unten erstellt die Sonde Profile für Temperatur, Fluoreszenz und Dichte. Je nach Profil entscheidet sich unser Labortrupp dann für Tiefen, aus denen wir Wasser haben wollen: Direkt unterhalb der Oberfläche (5m), beim Chlorophyll Maximum (und direkt darunter), sowie eine Probe von unterhalb der Sprungschicht (die Stelle in der Wassersäule, in der z.B. die Temperatur sich deutlich ändert). Ist das kostbare Nass erst mal im Labor, wird filtriert, gemessen, gefärbt und eingefroren. Ich selbst filtriere für die Parameter POC/PON, TCP, POP, TEP, CSP und TA und messe den pH. So, diesen Laborjargon lass’ ich als Teaser erst mal so stehen.
Arktisches Angrillen
Am letzten Mittwoch wurde nicht in der Messe zu Tisch gebeten. Stattdessen haben wir auf dem Arbeitsdeck gegrillt. Bei sportlichen Minusgraden gab’s allerhand Delikatessen, vermutlich von der letzten Antarktisfahrt mit Zwischenstopp in Südafrika: Springbock, Antilope und derlei mehr. Wirklich unvergesslich bleiben wird das Grillen aber weniger wegen des guten Essens, sondern weil direkt vor uns auf der anderen Seite der Bordwand langsam das grönländische Packeis an uns vorüberzog. Grillen in der Arktis, irgendwie surreal. Merke außerdem: “Gekühltes” Pils ist auch nur relativ.
Eisbär backbord querab
Verfasst von Tobias unter Biologisches, Unterwegs am 17. Juni 2010
Um 6 Uhr wurde ich heute früh unsanft aus dem Schlaf gerissen, als Krachen und Rumpeln das ganze Schiff schüttelten: Wir haben das Eis erreicht, etwa 73° nördliche Breite, zwischen Grönland und Jan Mayen. Zuerst waren es nur vereinzelte Schollen, die aber bis mittags eine fast 100%ige Eisbedeckung bildeten. Es ist unglaublich und nur schwer zu beschreiben. Als ich mittags aus dem Labor kam, schien die Sonne, es war fast windstill. Das Wasser eine pechschwarze, aber klare und spiegelglatte Oberfläche. Im krassen Kontrast dazu das grell-weiße Eis, mit Schnee bedeckt und voll mit Tierspuren in der ansonsten endlos leeren Weiße. An einigen Stellen hatten sich die Schollen zu kleinen Bergen aus Trümmern getürmt, durch das Wasser schimmerte es frostblau. Die Polarstern blieb unbeirrt auf Kurs, das Eis krachte und wurde auseinander gedrückt. Oder gelang unter’s Schiff und trieb an den Seiten wieder auf. Wunderschön. Und um den ersten Eindruck perfekt zu machen, wurde prompt ein Eisbär gesichtet, der uns unbekannte Besucher beobachtete.
Cruise Progress
Das mit dem Bloggen von Bord klappt doch nicht ganz flüssig. Die Mails, die ich an den Tellerrand schicke, kommen leider nicht an. Jetzt hilft Marco freundlicherweise aus und übernimmt das Posten, vielen Dank dafür!
Gestern Mittag haben wir den Polarkreis hinter uns gelassen. Langsam wird’s kühler: 2,4° Lufttemperatur, 2,1° Wassertemperatur. Richtig lange dunkel wird es nachts auch nicht mehr. Vor wenigen Minuten haben wir die Insel Jan Mayen erreicht, hier findet eine erste Teststation mit der CTD-Sonde statt, Startschuss ist 13 Uhr (C für Conductivity, T für Temperature und D für Depth. Aus diesen Parametern errechnen die Ozeanographen dann noch Dichte und Salzgehalt. Außerdem hängen mehrere Wasserschöpfer an der Sonde). Wir lassen das Eiland backbord liegen und fahren die Grönländische Küste an, Kurs etwa 310°. Von dort geht’s Richtung Norden an der Küstenlinie entlang, weil das Eis dort möglicherweise etwas leichter passierbar ist. Irgendwann morgen werden mit den Helikoptern Erkundungsflüge gestartet, wenn es nicht zu nebelig ist. Bei 75° startet dann unser so genannter “Zonalschnitt” Richtung Osten.
Vorgestern war ziemlich rauhe See und etliche Leute lagen flach (oder haben sich vom Doc ein Pflaster hinter die Ohren kleben lassen). Zum Glück bin ich seefest und konnte von der Brücke zuschauen, wie die Polarstern stampfte und in die Wellen krachte. Die Gischt klatschte bis über das Peildeck. Wirklich beeindruckend.
Meilenstein
Verfasst von Tobias unter Biologisches, Unterwegs am 14. Juni 2010
Mein erster, eigener TEP-Slide ist fertig, ein sehr beflügelnder Moment! Selbst gefiltert, gefärbt und eingefroren, natürlich unter Maschas sorgsamer Aufsicht. Danke für die vielen Anleitungen und Hilfestellungen! Das Bild zeigt einen Teil der Werkbank in unserem Trockenlabor, das seinen Namen eigentlich nicht verdient hat. In den Plastikwannen stehen die festgelaschten Filtrationsgestelle (gestern war rauhe See mit Windstärken von 9 Bft.). Das filtrierte Wasser stammt bisher noch aus der Membranpumpe, sobald wir 75° Nord vor Grönland erreichen, bekommen wir von der CTD-Gruppe Wasser aus verschiedenen Tiefen. Wir spielen uns also quasi gerade noch ein.
Theorie Teil 1
Verfasst von Tobias unter Biologisches, Unterwegs am 14. Juni 2010
Seit über 24 Stunden läuft der Schiffsdiesel ohne Pause, wir haben den 57. Breitengrad passiert. Gerade haben wir unsere Kisten ausgeladen, gleich wird das Labor aufgebaut. Morgen mittag können wir die erste Probe ziehen. Bis wir in der Grönlandsee sind, müssen wir mit Oberflächenwasser aus einer Membranpumpe vorlieb nehmen. Während dieser Ruhe vor dem Sturm (in zweierlei Sinne: heute nacht wird’s mit Windstärken bis 10 Bft. holprig; ab morgen/übermorgen beginnt der Arbeitsalltag) war Gelegenheit, sich mit der Theorie auseinanderzusetzen. Leider habe ich nicht den Überblick, den ich gerne hätte. Aber so ist das wohl, wenn man noch ganz am Anfang der Diplomarbeit steht. Zur eigenen Sortierung habe ich alle Parameter, die wir messen, mal zusammengefasst. Die passende Bildunterschrift gibt’s dann wenn ich die Augen besser aufhalten kann.
Ausgeschleust
Endlich, wir haben die Schleuse hinter uns gelassen, nachdem uns ein Schlepper hineinbugsiert hat. Wir steuern auf die Außenweser zu und dann auf das offene Meer. Mit ein bisschen Glück fängt’s gleich auch an zu Schaukeln und die Polarstern wiegt mich in den Schlaf. Diesem feierlichen Moment haben alle auf dem Helikopterdeck beigewohnt (und die an-Land-gebliebenen winken vom Containerturm). Gute Nacht
