Die hübsch marmorierten Samen des Rizinus eignen sich wegen ihres hohen Fettgehalts hervorragend für pflanzenphysiologische Versuche im Praktikum. Andere seiner Inhaltsstoffe liefern aber auch den Stoff für brisante Agentengeschichten.
Der Samen ist leider nicht mehr richtig zu erkennen…
Das im Samen enthaltene, wasserlösliche Rizin zählt zu den giftigsten bekannten Toxinen, genauer den Lectinen. 250µg sind tödlich, das entspricht 3 bis 4 Samen. Rizin besteht aus zwei Polypeptidsträngen, die durch Disulfidbrücken zweier Cysteinreste miteinander verbunden sind. Einer der Stränge, der A-Strang, dringt in die Zelle ein und wirkt dort enzymatisch als RNA-N-Glycosidase, spaltet also die N-glycosidische Bindung in der RNA zwischen Zucker und Base (oder?). Dadurch wird die Proteinbiosynthese an den Ribosomen gehemmt. Ein ziemlich grober Eingriff also. Der Tod tritt nach etwa 72 Stunden durch Lähmungen etwa des Atemzentrums oder Herzstillstand ein.
So viel zur Biochemie. Jetzt die Agentengeschichte.
London, 1978. Georgi Markov, Schriftsteller aus Bulgarien und Dorn im Auge der dortigen Kommunistischen Partei, spaziert über die Waterloo Bridge. Vielleicht hat es gerade geregnet. Jedenfalls kommt ihm ein Passant mit Regenschirm entgegen. In London damals wie heute wohl nichts Besonderes. Der Passant passiert und sticht Markov offenbar versehentlich mit der Schirmspitze in den Oberschenkel. Dann steigt er zügig in das nächste Taxi. Drei Tage später stirbt Markov an Herzversagen. In der kleinen Wunde findet man später eher zufällig ein noch kleineres Kügelchen aus Platin, das an zwei Stellen mit Zuckermasse verschlossen war. In der Kugel befand sich vermutlich Rizin. Und der Passant, so glaubt man, war ein Agent des bulgarischen Geheimdienstes. Tragisch. Und filmreif.